Die Kunst des Designs stirbt, lautet die Headline des „Smashing Magazines“. Funkstille in meinem Kopf. Nur zur Sicherheit maximiere ich noch mal das Fenster mit meinem aktuellen Layout, bevor ich weiterlese. Sieht eigentlich noch ganz lebendig aus.
Der Artikel beginnt mit einer Hommage an Jim Lee. Der Autor erinnert sich, wie der Zeichenstil der Marvel-Comics ihn faszinierte – und die Imitation beinahe zur Obsession wurde. Unter dem ersten Absatz prangen Bilder von Superman und Batman. Ich muss an unseren Kühlschrank denken, den ich mit einer legendären JimLee-Szene aus Batman bemalt habe.
Früher habe man sich die Techniken durch mühsame Imitation selbst erarbeitet, während man heute ein Tutorial macht. In beiden Fällen führe die richtige Technik aber nicht unbedingt zum Ziel, da die logische Komponente fehle. Stimmt! Ein guter Designer weiß nicht nur wie er eine Idee visualisiert, sondern auch, warum er das tut.
Der Artikel wird schnell zu einem Indizienprozess, der durch das „Designers Menu“ visualisiert wird. Eine karge Aluschale, gefüllt mit handwerklich soliden aber unkreativen Speisen. Erinnert ein bisschen an unser Agenturmittagessen. Es war vielleicht auch bei einem Mittagessen – vor den kargen Aluschalen, die symbolisch für den Niedergang der Designkultur herhalten sollen – als unser Creative Director sagte: „Ein schönes Layout reicht nicht aus. Man muss es auch argumentieren können“. Obwohl wir also aus einem schlechten Omen speisen, wissen wir bei netz98 ganz genau, worauf es ankommt.

Das „Smashing Magazine“ hat nicht Unrecht. Es ist immer häufiger zu beobachten, dass opulente Effekte die zündende Idee ersetzen. Ein faszinierender Effekt im Hochglanz-Design ist dank detaillierter Tutorials auch mit einem soliden Basiswissen zu meistern. Doch auch die schönste Visualisierung braucht eine Idee, die ihr Leben einhaucht. Eine faszinierende Idee konsequent zu entwickeln und in ein stimmiges Gesamtkonzept zu integrieren, kann nicht per Video-Guide gelernt werden. Hier sind neben Talent und Fingerspitzengefühl vor Allem die Erfahrung und viel Fachwissen gefragt. Ein Tutorial kann immer nur einen Punkt vom Kontext isolieren und aufschlüsseln. Nur wer sich konsequent und kontinuierlich mit Design beschäftigt, sowohl handwerklich als auch theoretisch, kann nach und nach die komplexen Zusammenhänge verstehen.
Wedgewood kommt mir in den Sinn. Jedoch nicht, weil ich an des „Designers Menu“ denke und beim Mittagessen zukünftig die verpönten Aluschalen gegen Porzellan aus traditioneller Herstellung eintauschen will.
Nein, wegen der Arts&Crafts Bewegung und dem Bauhaus-Manifest. Erinnern wir uns an Walter Gropius, der das Design (Industrie- und Produktdesign) von der Kunst emanzipierte und anfänglich auf wenig Gegenliebe stieß. Für viele Kunstschaffenden in traditionellen Manufakturen war es unvorstellbar, industriell gefertigten Waren einen ähnlichen Stellenwert einzuräumen. Die von Michael Thonet mit Wasserdampf gebogenen Holzstühle waren aus Sicht von Arts&Crafts nicht kunstvoll sondern lieblos. In der Tat waren die berühmten Wasserdampf-Stühle nicht mit den aufwändig verzierten Meister- aber eben auch teuren Einzelstücken der Schreiner zu vergleichen.
Kunst, respektive Design, war plötzlich nicht mehr exklusive Luxusware sondern für Jedermann zugänglich. Just an dieser Stelle schließt sich der Kreis. Durch die Bereitstellung mannigfaltiger Tutorials und Templates kann jeder User über einen netten Twitter-Background, ein witziges Avatar-Bild oder sogar ein ansprechendes HP-Template verfügen.
Kein Grund, sich in der Designerehre gekränkt zu fühlen. Die Tutorial- und Freebie-Flut steht in keiner Konkurrenz zum Berufsdesigner. Im Gegenteil! Das Bedürfnis nach Design steigt und ist inzwischen für jeden User zugänglich – umso mehr steigt die Notwendigkeit für Unternehmen und Einzelpersonen, sich mit professionellen Design-Lösungen abzuheben. Lasst uns also gute Freunde sein und uns nicht gegenseitig die Daseins-Berechtigung absprechen, wie einst Arts&Craft und Bauhaus.
Was den ambitionierten Berufs-Designer betrifft, gebe ich dem „Smashing Magazine“ dennoch Recht. Nicht immer ist ein Tutorial der cleverste Weg zum Ziel, da man viele wertvolle Erkenntnisse und Entwicklungsprozesse ausschließt. Ich kann den Stil von Jim Lee bis heute nicht perfekt imitieren, um noch einmal auf das Beispiel meines Kühlschranks zurückzukommen. Bei meinen zahlreichen Versuchen habe ich allerdings meinen eigenen Stil gefunden. Ist doch auch was, oder?
Ich atme auf. Wenn ich später mein Mittagessen aus einer schnöden Aluschale picke, Jim Lee noch immer nicht perfekt imitieren kann und mir gerade der Kopf von der Arbeit an einem spannenden Layout raucht, weiß ich, dass das Design nicht stirbt. Aber vielleicht verändert es sich.
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